Geduldig sein: Warum es sich doch lohnt und wie Yoga dir dabei hilft

Geduldig sein: Warum es sich doch lohnt und wie Yoga dir dabei hilft

Es war mal wieder so eine Situation in der ich mit meinen yogischen Ratschlägen daherkam. Als hätte ich Weisheit mit Löffeln gefressen, erklärte ich meiner besten Freundin, dass sie geduldiger sein müsse. Ich wollte gerade meine Abhandlung darüber halten, wie wichtig es sei, geduldig mit sich selbst zu sein, als sie mich ausbremste. „Geduld ist gezähmte Leidenschaft.“ Bähm! Meine liebe, coole, chaotische und überhaupt allerbeste Freundin pfefferte mir dieses Zitat von Lyman Abbot entgegen und da stand ich nun mit meiner Yoga-Schlaumeierei. Schachmatt gesetzt. Durch einen einzigen Satz. Wow! Gezähmte Leidenschaft? Wer will so etwas hören? Wir wollen doch alle unheimlich leidenschaftlich leben und lieben, für Dinge, Aufgaben, Menschen brennen. Gezähmte Leidenschaft, das hörte sich verdammt uncool an. Ich habe nachgedacht über diese Worte, die das, was ich bisher so zwanghaft versucht hatte zu leben und anzustreben, jäh über Bord warfen.

Geduld und Gelassenheit, ich stellte mir zu Beginn meines Yogaweges vor, dass diese beiden der Schlüssel zum Glück waren und dass sie unweigerlich mit Yoga in Verbindung standen. Ich hatte dieses Bild von einer Yogalehrerin vor Augen, die immerzu gelassen durchs Leben ging. Ich weiß heute, dass das Quatsch ist. Dass auch die tollsten und besten Yogalehrer keine Geduldsengel sind und nicht immer alles in ihrem Leben im Griff haben. Ich weiß, dass sie nicht in jeder Situation die Ruhe selbst sind und allem mit Gelassenheit begegnen. Und das ist auch gut so. Trotzdem halte ich es da mit Nenas Song „In meinem Leben“: „Ich wünsch mir Frieden und Gelassenheit, ein Herz, das immer warm ist.“ Sie singt: „Ich bin noch nicht so weit.“ Als Nena diesen Song veröffentlichte, war sie gerade 50 geworden und zweifache Großmutter – wenn sie das noch nicht geschafft hat, muss ich es jetzt vielleicht auch noch nicht können. Aber wünschen darf ich es mir trotzdem. Denn lieber Herr Abbot, ich werde weiterhin daran arbeiten, dass es mir irgendwann gelingt, in gewissen Situationen gelassener und geduldiger zu handeln. 

Ich bin zu dem Schluss gekommen, dem Zitat des amerikanischen Religionsphilosophen nach wie vor widersprechen zu müssen. Geduld ist keine gezähmte Leidenschaft! Früher war ich ungeduldig. Ich habe mich gebessert. Ich würde nie in einem Vorstellungsgespräch sagen: „Ich bin ungeduldig“, wenn mich jemand nach den schlechten Eigenschaften fragt. Hallo? Ich bin Yogalehrer, wie sähe das denn aus? Nicht nur durch meine Yogaausbildung, sondern im Laufe meines Lebens habe ich verstanden, dass geduldig zu sein, etwas erstrebenswertes ist. Weil wir in gewissen Situationen einfach sehr geduldig sein müssen. Als Mama erlebe ich das täglich. Nicht zuletzt hat mein eigener Körper mir das oft gesagt. Jeder, der Verletzungen hatte, weiß das. Es bringt nichts, dem Körper seine Pausen zu verweigern. Im Gegenteil. Es macht alles nur schlimmer. 

Geduld ist das Vertrauen, dass alles kommt, wenn die Zeit dafür reif ist. Geduldig zu sein, heißt auch, nicht nur das Ziel, sondern auch den Weg dahin zu respektieren und „leidenschaftlich“ zu gehen. Und wenn ich das mache und das Ziel am Ende nicht erreiche, habe ich auf meinem Weg so vieles mitnehmen können, dass es mich doch reicher gemacht hat. Ich kann etwas sehr leidenschaftlich verfolgen und trotzdem darauf vertrauen, dass ich mit Geduld ans Ziel komme und nicht mit Hau-Ruck. Geduld und Gelassenheit machen uns um vieles reicher. Wenn wir gelassener sind, regen wir uns weniger über Kleinigkeiten auf. Das kostet so viel Lebensenergie und verschluckt so viel Spaß und Freude am Leben. Wenn wir mit anderen geduldiger sind, werden wir uns auch weniger über sie aufregen. Trotzdem finde ich nicht, dass geduldig und gelassen zu sein, bedeutet, einfach alles hinzunehmen, immerzu nur abwarten und Tee trinken … Vielmehr finde ich, sollen wir das Leben und uns selbst nicht immer so ernst nehmen. Stattdessen genießen, was es zu genießen gibt, den Moment in all seiner Kostbarkeit, weil er nie mehr so zurückkommt. Als neue Mutter habe ich oft gedacht, ach, wenn mein Kind nur anfängt zu sprechen, mir endlich sagen kann, was sie will, wenn sie endlich anfängt zu laufen, wenn sie nur endlich in die Kita kommt und ich wieder mehr Zeit für mich habe … Diese Gedanken sind wahrscheinlich ganz normal, doch dabei habe ich oft vergessen, den Moment zu genießen, der einzigartig ist. Gerade bin ich mit meiner Familie mal wieder umgezogen. So ein Umzug ist wie ein Neuanfang. Alles steht auf „Reset“ und obwohl ich dachte, dieser hier würde der einfachste Umzug der letzten Jahre werden, war es eben nicht so. Ich habe über sechs Wochen auf meinen Internetanschluss gewartet. Ich versuchte mich zurechtzufinden an einem neuen Ort und war unzufrieden, weil nicht alles direkt funktionierte. Ich habe vergessen, dass auch das eine Chance sein kann. Und vergessen, den Moment zu genießen. Zeit ist kostbar, aber sie weist uns auch immer den Weg. 

Das Bild, das ich für diesen Artikel gewählt habe, zeigt einen besonderen Moment, der nur mit Geduld festgehalten werden konnte. Jeder gute Fotograf weiß, dass Geduld eine unabdingbare Eigenschaft ist, um erfolgreich in seinem Beruf sein zu können. Ich habe nicht nur einmal einen Wal in Freiheit schwimmen sehen. Das Gefühl, dass ich dabei hatte, ist ein bisschen wie Schmetterlinge im Bauch. Es sind Momente, die ich nicht vergessen werde solange ich kein Alzheimer habe. Was das mit Geduld zu tun hat? Ich glaube, wer nie geduldig ist, der läuft Gefahr, die besten Momente seines Lebens vielleicht zu verpassen. 

Aber wie werde ich nun geduldiger? Es ist bei den meisten Asanas so, die uns herausfordern: Wir kommen Stück für Stück weiter, wir schwingen uns nicht beim ersten Mal in den perfekten Handstand, sondern wir erreichen ihn mit der Zeit. Wir bringen unseren Kopf in Eka Pada Rajakapotasana nicht einfach so an unsere Zehenspitzen, wir müssen lange dafür üben. Und wenn wir im Vergleichsweise so simpel wirkenden Virabhadrasana II stehen, unsere Beinmuskeln schon zittern, und der Yogalehrer dann sagt: „Und noch drei Atemzüge halten“, dann üben wir sie schon, die Geduld. Und wie gut fühlen wir uns danach, wenn wir es geschafft haben, die Atemzüge gehalten haben, wir unsere Muskeln spüren und dankbar dafür sind, erfahren zu dürfen, was unser Körper eigentlich kann, wenn er nur darf. Warum sollte es im alltäglichen Leben anders sein als während der Yogastunde? 

Warum sollte Geduld etwas sein, was mich an meiner Leidenschaft hindert? Wenn wir leidenschaftlich für etwas leben, wollen wir etwas mit aller Kraft erreichen. Dabei brauchen wir eine gehörige Portion Klarheit. Und Klarheit, kommt sie nicht nur durch die Zeit? Geduld auf Sanskrit hat viele Übersetzungen. Eine davon ist Kshama und das bedeutet auch Vergebung. Wenn wir vergeben können, macht uns das zu glücklicheren Menschen. Kshanti, ein anderes Wort für Geduld, wird auch mit Ausdauer übersetzt. Und ausdauernd zu sein, bedeutet ja auch, dass man seine Ziele erreicht. 

Ein buddhistisches Sprichwort sagt: „Geduld ist das Vertrauen, dass alles kommt, wenn die Zeit dafür reif ist. Deshalb: Hab Geduld mit jedem Tag deines Lebens.“ Ich übe auch noch. 

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