Hilft Yoga in Krisenzeiten?

Als wir erfahren hatten, dass Schulen, Kitas und andere öffentliche Einrichtungen in den kommenden fünf plus Wochen schliessen würden, legte ich zunächst mal Yogamatten in der Wohnung aus. Für jedes Familienmitglied eine. Meine Kinder sind noch klein. Es ist nicht so, dass sie täglich Sonnengrüße üben. Ich hatte einfach das Gefühl, dass uns Yoga in den nächsten Wochen ein wenig Halt geben würde.  

Ich habe mir Routinen aus der Kita abgeguckt und mache morgens einen Singkreis. Hinterher geht es meistens mal kurz auf die Yogamatte. Dabei darf es ruhig wild und albern zugehen. Wenn ich im Herabschauenden Hund oder der Schiefen Ebene stehe, klettern die Kinder auf meinen Rücken. Egal. Mir geht es gar nicht darum, dass meine Kinder Yoga machen, sondern einerseits sehr eigennützig darum, dass ich auf der Matte ein kleines bisschen Spannung abbauen kann, wenn ich mich bewege oder dehne und andererseits will ich meinen Kindern von klein auf  vermitteln, dass die Yogamatte ein Zufluchtsort sein kann. Oder darf. Je nachdem wie sie das eben sehen. Für meine eineinhalbjährige Tochter bedeutet Yoga eine Körperhaltung wie den Herabschauenden Hund einzunehmen. Das findet sie lustig und mehr und mehr gelingt es mir gemeinsam mit den Kindern auf der Matte zu stehen. Oft machen sie einfach das, was sie unter Yoga verstehen, während ich in verschiedene Körperhaltungen gehe und das seeeeehr genieße.

Yoga in Kiel oder Kalifornien?

Meine eigene Yogapraxis ist während diesen Wochen wieder wichtiger geworden. Was ich aber besonders schön finde, ich kann mit meinen früheren Kollegen aus Santa Barbara üben. Wie viele andere, streamt das Studio, in dem ich einige meiner Ausbildungen machte, gerade live. Was mir am Üben mit den ehemaligen Kollegen so gefällt, ist einerseits, dass wir nun wieder zeitgleich auf der Matte stehen – trotz Zeitunterschied. Ich sehe, wie viele andere gerade mitmachen. Meistens sind es über 100 Teilnehmende. Die Westküste der USA ist verdammt weit weg aber auch da sitzen die Menschen gerade zuhause. Wann waren wir alle schon mal so miteinander verbunden? Ich weiß, dass es manchen weniger gut geht als anderen. Dass wir nicht wirklich überall auf der Welt miteinander verglichen werden können, weil wir ganz unterschiedliche Bedingungen in dieser Situation vorfinden und deswegen auch nicht alle im viel zitierten „selben Boot“ sitzen. Dennoch finde ich – bringt diese ganze Geschichte mit sich, wieder mehr an die anderen zu denken, diejenigen, die eben woanders auf dieser Erde leben.

Vielleicht hört sich das jetzt blöd an, aber Panik habe ich kaum in diesen Wochen verspürt. Und ich will nicht behaupten, dass das daran liegt, dass ich ein durch und durch ausgeglichene Yogalehrerin bin. Das stimmt nämlich nicht. Ich bin mir nur irgendwie im Moment ziemlich sicher, dass Panik gar nichts bringt. Ich mache mir Sorgen um die Gesundheit meiner Eltern und frage mich, ob ich sie wiedersehen darf – uns trennen knapp 800 Kilometer. Ich bin glücklicherweise – und das schätze ich natürlich ungemein – in einer finanziell „noch“ abgesicherten Situation. Für mich ist Arbeiten momentan tatsächlich ziemlich schwierig, weil ich nahezu rund um die Uhr mit meinen Kindern beschäftigt bin. Ein Buchprojekt sitzt mir im Nacken. Dieser Blog wartete schon so lange darauf, mit Leben gefüllt zu werden. Nun dauert es eben noch länger. Zu meinen wichtigsten Kunden zählt ein Tourismusverband, der natürlich in der aktuellen Situation noch nicht einmal weiß, ob so etwas wie eine touristische Saison in diesem Jahr überhaupt stattfinden wird. Aber ich bin gerade mit einem Urvertrauen ausgestattet, dass sehr wohltuend ist.

Ich liebe die Gelassenheit​

Gerade jetzt sind andere Dinge wichtiger. Ich fürchte mich nicht davor, dass man mir alle Freiheiten nimmt, mit denen ich – selbstverständlich – aufgewachsen bin. Ich sehe es eher so, dass ich nun dafür verantwortlich sein kann, Leben zu erhalten. Dass immer wieder darüber diskutiert wird, ob die getroffenen Maßnahmen Sinn machen oder nicht, verstehe ich, aber für mich bedeutet Yogaphilosophie auch: Wahrheiten gibt es immer viele. Und meine Wahrheit muss nicht deine sein. Für mich steht Gesundheit aber über allem. In der aktuellen Sonderausgabe von GEO gibt es ein spannendes Interview mit der Neurowissenschaftlerin Britta Hölzel: „Den Dingen gegenüber, die ich nicht verändern kann, gilt es Gleichmut und Gelassenheit zu bewahren und nicht in den Widerstand oder ins Beharren zu verfallen. Das bedeutet nicht, dass ich passiv werde und alles hinnehme. Sondern vielmehr, dass ich meine Energie auf das richte, was mir wichtig ist und was ich auch verändern kann,“ sagt sie. 

Neue Energie

Ich bin mir sehr bewusst, dass meine Kindern diese Krise nicht in besonderer Erinnerung behalten werden, so lange ich ihnen ein gut gelaunter Anker bin, viel Zeit mit ihnen verbringe und mit ihnen über all ihre Gefühle rede. Ich könnte mich jetzt hinstellen, und behaupten, es läge an Yoga, dass ich so entspannt durch die Gegend laufe und die ersten vier Wochen der Quarantäne absolut reibungslos überstanden habe. Aber ich weiß nicht, woran es liegt. Ich weiß aber jetzt etwas, was mir vor Corona-Zeiten nicht bewusst war. Dass ich gerne und viel Zeit mit meinen Kindern verbringe und dafür in den letzten fünf Jahren auf Erfolg im Job verzichtet habe, ist gar nicht so doof. Ich habe oft mit mir gehadert, warum ausgerechnet ich in meiner neuen Rolle als Mama so wenig anderes hinzukriegen scheine. Zwei Kinder, fünf Umzüge, zwei Kontinente, ein Buch, – es war ja gar nicht nichts. Aber irgendwie halt doch weniger als ich von mir selbst erwartet habe. Diese Webseite beispielsweise, die wollte ich schon so lange in Angriff nehmen. Blieb immer liegen. Das Gute daran ist aber: In den letzten Wochen war ich nicht einmal einem Nervenzusammenbruch nahe, weil ich mich rund um die Uhr mit meinen Kindern beschäftigen musste. Stattdessen ist da plötzlich eine neue Energie. Fragt mich nicht, woher sie kommt. Vielleicht ist es die Energie, die ich sonst in sinnvolle Berührungen meiner Yogaschüler stecke, vielleicht die Energie, die ich im Fitnessstudio an der Langhantel-Stange verschwendet habe? Vielleicht liegt es daran, dass ich nur noch beim Biobauern kaufe, weil ich keine Lust mehr auf Supermärkte habe – schon lange übrigens nicht mehr aber seit Corona noch viel weniger. Obwohl ich nicht zu denen zähle, die während der Corona-Pandemie plötzlich mehr Zeit hatten, sitze ich jetzt abends oft noch stundenlang am Schreibtisch.

Angst habe ich nur dann, wenn ich zu viele Nachrichten gesehen habe und mein Melatonin-Ausstoß hoch ist – also falls ich nachts wachliege. Das hat dann aber nicht unbedingt wirklich etwas mit Corona zu tun. Yoga tut mir vor allem gut, weil ich Spannungen abbauen kann, wenn ich mich auf der Matte bewege. Meine Muskeln zu spüren, macht mich glücklich. Atmen erdet mich. Ich will gar nicht sagen, dass Corona Tolles hinbekommen hat – ich hätte auch gut und gerne darauf verzichten können. Aber auf einmal sind die kleinen Dinge im Leben wieder wichtiger. Meinen Kaffee am Morgen mit geschäumter Hafermilch geniesse ich noch bewusster als zu Vor-Corona-Zeiten. Das Frühstück ist meistens was Besonderes. Extra-lang gekochtes Porridge mit Kokosmilch oder Espresso-Dattel-Mandelmus-Mischung oder selbstgemachte Rharbaberkompott. Ich bin nicht froh, dass es Corona gibt, aber ich fokussiere mich auf die positiven Seiten. Ich nehme die kleinen Dinge wieder bewusster wahr. Vielleicht wird Familie wieder wichtiger. Vielleicht atmet die Umwelt gerade auf. Vielleicht gibt es ja irgendwo Biologen, die so etwas messen. Es würde mich interessieren. Das wäre doch wenigstens ein schöner Nebeneffekt. #stayhome #staysafe

Dieser Artikel enthält unbezahlte Werbung für Das Magazin GEO.

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