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Charlie’s Angel hat Angst vor Corona

Kürzlich las ich auf dem Blog von Schauspielerin Drew Barrymore, wie sie zu Beginn der Corona-Krise in ihrem Auto von einer Panikattacke überrascht wurde. Sie hatte Mühe zu atmen, musste anhalten, aussteigen und ein paar Schritte spazieren gehen. Sie dachte, sie müsse gleich am Corona-Virus sterben. So ging es also Drew Barrymore – Charlie’s Angel – und vielen anderen, von denen man das vielleicht nicht erwartet hatte. Demgegenüber steht die Überschrift eines Artikels aus der Neuen Zürcher Zeitung: „Wollt ihr denn ewig leben?“ Beides – Drew Barrymores Panikattacke und die provokante Wortwahl des Journalisten, der die Maßnahmen der Regierungen im Zuge der Eindämmung von COVID-19 kritisierte, liegt mir sehr fern. Doch eines habe ich festgestellt: Die einen haben Angst vor Corona, die anderen haben Angst davor, ihre Freiheiten zu verlieren, Angst vor dem wirtschaftlichen Chaos oder Angst davor, mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen zu müssen. Die Angst – sie scheint uns gerade alle zu vereinen. Mein Mann zeigte mir einen lustigen Cartoon, auf dem zwei Wissenschaftler über das Corona-Virus diskutieren. „I am happy when this is over“, („Ich bin froh, wenn das vorbei ist“,) sagt einer der beiden. Und dann werden die beiden Forscher von einer neuen Katastrophe überrollt: dem Klimawandel – eine noch viel ernstzunehmender Gefahr als Corona. Aber niemand redet davon. Und deswegen erleiden wir auch keine Panikattacken, die durch Angst vor Klimawandel entstehen.

Wie entsteht Angst?

Eine globale Krise hat uns im Griff. Das Verrückte an Corona ist ja: Wir wissen eigentlich nichts. Mit der Ahnungslosigkeit gehen wir unterschiedlich um, und das ist normal. Auf meinen sozialen Netzwerken stelle ich fest: Mit Corona ist es schlimmer als beim Fußball! Jeder gibt seinen Senf ab, alle sind Experten. Sibylle Bergold ist Systemaufstellerin und Coach, Gründerin und Ausbilderin der Deutschen Akademie für Systemaufstellung und Medium. Sie sagt so schöne Sätze wie: „Jeder Mensch trifft die Entscheidung, ob er das Einhorn oder den Hornochsen rauslässt.“ Ich will mit Sibylle über Angst sprechen, weil ich über einen Instagram-Post von ihr stolperte, in dem sie schrieb: „Auf einmal wird deutlich, wie unterschiedlich wir alle empfinden. Warum lösen Ereignisse so unterschiedliche Emotionen in uns aus?“ Diese Frage rüttelte mich wach. Ich wollte aufhören, zu urteilen, wenn andere in den sozialen Netzwerken Stimmungen oder Meinungen verbreiteten, die ich nicht mit ihnen teilte und ich wollte verstehen, was gerade in den Menschen vorgeht, die so viel Angst haben. Aber ich wollte auch wissen, warum andere keine Angst haben.

Bevor Sibylle Bergold selbständig war und ihrer Berufung nachging, arbeitete sie in einer Bank. Sie erlebte zwei Banküberfälle innerhalb weniger Wochen. Beim ersten hielt man ihr eine Pistole an den Kopf. „Natürlich hatte ich Angst und fragte mich selbst, ob ich jetzt sterben muss“, sagt sie. Angst ist etwas natürliches. Was im Übrigen nicht immer ganz klar wird, beispielsweise wenn man nach ihr googelt. Dann tritt das Wort nämlich am allermeisten mit dem Wort Störung in Verbindung auf. Angst muss aber nichts mit Störungen zu tun haben. „Wenn ein Mensch wahrhaftige Angst verspürt, also reale Angst, dann ist diese Angst nur natürlich. Wir alle nehmen dann die Beine in die Hand und rennen, sofern wir einen aufgebrachten Löwen vor uns sehen.“ Für unsere Vorfahren war diese Angst tatsächlich real.

Angst auf den Rücksitz

In Sibylle Bergolds Praxis kommen viele Menschen wegen Angst. „Wenn die Angst irreal ist – und aus meiner Erfahrung ist sie das viel viel häufiger als die reale Angst – dann können wir daran etwas ändern“, erklärt sie. „Irreale Ängste sind die Gedanken, die wir uns in unseren Köpfen zusammenspinnen. Im Prinzip ist es ganz einfach: Sobald uns etwas im Außen stresst, bedeutet dass automatisch, dass im Inneren noch ein Thema offen ist, das es zu bearbeiten gilt. Hier dürfen wir hinschauen und verändern.“  Angst „zusammenzuspinnen“ – das funktioniert im Übrigen ziemlich leicht. Wir nehmen Informationen im Außen auf und unser Gehirn muss sie verarbeiten. Das macht unser Gehirn ganz automatisch und schützt unser Leben so zum Teil auch tatsächlich. Dieser Vorgang ist wissenschaftlich bis ins kleinste Detail untersucht. Schaltkreis der Angst, sagt man auch dazu. Unser Gehirn bastelt sich seine eigene Version von Corona-Angst zusammen. Je nachdem wie wir aufgewachsen sind und was wir erlebt haben, macht sich die Angst dann bemerkbar.

Auf dem Yogablog yogaandjuliet.com schrieb Julia Hofgartner in der Pre-Corona-Welt, als wir alle noch reisen durften, darüber wie sie ihre Panikattacken beim Fliegen loswerden konnte. Sie berichtete, dass sie ihre Angst einfach begrüsst, wenn sie auftaucht, statt sie wütend zu bekämpfen. Darauf kam sie, nachdem sie das Buch The Big Magic von Elizabeth Gilbert gelesen hatte. „Stell dir vor, du bist im Auto und auf dem Weg deine Träume zu verfolgen. Die Angst darf mitfahren, denn sie ist wichtig und will uns nur beschützen. Allerdings muss die Angst auf der Rückbank Platz nehmen, sie darf nicht auf dem Beifahrersitz sitzen, geschweige denn ins Steuer greifen und wenn sie es doch versucht, muss man sie ermahnen und ihr sagen, dass sie aussteigen muss, wenn sie das weiterhin macht.“ 

Atme sie weg!

Das ist ein schönes Bild. Wenn man gerade mitten in einem Banküberfall steckt, ist dieses Prinzip vermutlich schwierig durchzuziehen.„Jeder Mensch versucht sich in einer noch nie erlebten Gefahrensituation zu orientieren und Sicherheit zu finden“, sagt Sibylle. Bei dem ersten Überfall fand sie sich nicht nur in einer neuen von ihr noch nie durchlebten Situation, sie sah um sich herum auch nur ängstliche Gesichter. „Ich spürte auch, dass die Bankräuber selbst unsicher waren. Es war also pure Angst im Feld, die sich auf alle übertrug.“ Beim zweiten Überfall war das anders. „Ich hatte ja schon ‚Banküberfallerfahrung‘ gesammelt und mein Gehirn gab sich dadurch selbst Sicherheit. Der Mensch ist eine geniale Anpassungsmaschine, die verhältnismäßig schnell lernt, wenn man sie lässt. Es mag fast zu einfach klingen, aber beim zweiten Banküberfall war ich einfach nur stinksauer und weniger ängstlich und versuchte alles Angestaute wegzuatmen.“  Das ist im Übrigen auch ihre Antwort auf die Frage,  wie man mit Angst umgehen sollte: „Atme Angst weg, atme Wut weg, atme einfach. Erstaunlich wie gut es funktioniert, wenn man sich nur darauf konzentriert.“ Einen anderen Text über die Angst habe ich auf fuckluckygohappy.com gelesen. Dort beschreibt Autorin Stella Lorenz wie sie in Brasilien eine Bus-Entführung erlebte. „Lass die Angst einfach fliessen“, ist ihre Message. Das sei der richtige Rat, allerdings bitte nicht durch die Milchdrüsen, wie Sibylle sagt. „Wenn stillende Mütter zum Beispiel Angst ausgesetzt sind, nehmen die Kinder diese Angst auch durch das Stillen auf.“

Mach den Fernseher aus

Was können wir machen, wenn uns die aktuelle Situation in Angst versetzt? „Wer in der jetzigen Situation nicht gut mit den Corona-Auswirkungen umgehen kann, dem empfehle ich als erstes kein Fernsehen und kein Radio mehr zu hören. Auch in Portalen wie Facebook oder anderen sozialen Medien erscheinen Berichte, die verunsichern.“ Das alles können wir weglassen. Stattdessen rät Sibylle Bergold, sich mit Menschen auszutauschen, bei denen wir sicher sein können, dass sie uns verstehen und unsere Meinung akzeptieren, egal wie diese Meinung aussieht. „Spaziergänge in die Natur geben uns beispielsweise auch Kraft und lassen uns in unsere Mitte kommen. Die Antworten und Lösungen sind immer in uns“, sagt sie.

Ich hatte ganz instinktiv während den vergangenen Wochen etwas richtig gemacht. In der ersten Woche hatte ich noch jeden Abend spät die neuesten Corona-Entwicklungen verfolgt, irgendwann liess ich das bleiben. Wenn ich keine Krankenhausberichte aus Italien las und nicht mitbekam, wie die Bundesländer akribisch ihre neuen Corona-Fälle zählten, hatte ich mit meinen Kindern die besten Tage. Wir lebten einfach in unserer eigenen Blase aus Bibi&Tina-Hörspielen, Duplotürmen und Bastelversuchen. Warum ich während dieser Zeit ganz entspannt bleibe, mich auch nicht über geschlossene Spielplätze aufrege – ich möchte gar nicht freiwillig auf einem überfüllten Spielplatz herumlaufen – und auch bei Wutanfällen meiner Kinder – die sie im Übrigen auch haben, wenn Kitas geöffnet sind – ruhig bleiben kann, will ich auch von Sibylle wissen. 

Wie bekommt man Urvertrauen?

„Gründe für Ängste sind bei jedem Menschen anders und äußern sich auch unterschiedlich. Bei manchen beginnt die Angst im Kopf und wird dann erst spürbar, wenn sie sich zum Beispiel über den Körper äußert. Klassisch gesehen übrigens häufig über eine Blasenentzündung. Dann gibt es Menschen, die sind im Urvertrauen und haben tendenziell mit Corona und anderen extremen Situationen weniger Probleme. Die Frage ist nun: Wie bekommt man Urvertrauen? Aus meiner Erfahrung gibt es viele Wege. Im besten Fall: Keine negativen genetischen Prägungen zu haben, mit einer optimal verlaufenden Schwangerschaft, eine gute Mutter-Kind-Bindung mit einem Partner, der zu der Beziehung und der Verantwortung steht, einer gelungenen Geburt und einer Mutter, die für das Kind präsent ist.“ Es liegt aber nicht nur an unseren kindlichen Prägungen, ob wir ins Urvertrauen kommen können oder nicht: „Neben unseren irdischen Eltern haben wir ebenso auch noch sogenannte kosmische Eltern. In dem Moment, wenn wir wissen, dass wir alle an die universelle Quelle angeschlossen sind und wir spüren, dass es noch mehr gibt, als unser begrenzender Verstand versteht, gibt es keine Angst vor dem Tod, nur vor dem Sterben.  Durch die Verbindung zu dem großen Ganzen, die wir über viele Wege finden können, wie zum Beispiel durch Meditation, Yoga, Bewusstwerdung und so weiter, ist man gut mit sich selbst und seiner inneren Stimme und Intuition in Kontakt. Wer diese Verbindung eingeht, hat keine irrealen Ängste.“

Dass ich mir die Frage: ‚Bin ich jetzt falsch oder die anderen?‘, stellen würde, sei absolut normal, sagt Sibylle. Und was kann ich tun, damit meine Kinder jetzt aber auch später, wenn sie erwachsen sind, in ähnlichen Situationen keine Angst haben müssen? „Starke Eltern haben auch starke Kinder“, sagt Sibylle. „Am besten erklärt man seinen Kindern sachlich und altersgerecht, was gerade auf der Welt passiert und nicht emotional dramatisch. ‚Du kannst nicht zur Oma, weil sie sonst stirbt‘, hilft niemandem.“

Neutralseife auf Facebook

Am Ende unseres Gesprächs zum Thema Angst geht es gar nicht mehr so sehr um Angst, sondern darum, wie ich in der aktuellen Situation auch beim Surfen auf meinen sozialen Netzwerken nicht die Krise bekommen muss. „Ich bin im Badezimmer kürzlich über den Ausdruck Neutralseife gestolpert“, berichtet Sibylle. „Ich dachte für einen kurzen Moment: wie schön wäre es, wenn wir uns alle ab und zu mit einer Art Neutralseife waschen könnten … Meiner Meinung nach ist „Neutralität“ der einzig richtige Weg jedem Menschen seine Individualität, seine Prägungen und seine Meinungen zu tolerieren und sofern diese den eigenen Erfahrungen widersprechen, die gegensätzliche Meinung nicht persönlich zu nehmen. Auch hier sind Erfahrungen aus unserer Kindheit ausschlaggebend dafür, dass wir unterschiedlich empfinden.“ Wenn sich Menschen auf Facebook nun entfreunden, weil sie in Sachen Corona eine andere Meinung vertreten, habe das ja nichts mit einem selbst zu tun, sondern mit demjenigen, der sich „entfreundete“. „Wir selbst sind dann nur indirekt beteiligt und dürfen akzeptieren, dass die Felder, die Chemie usw. im Moment nicht zusammenpassen. Vielleicht wird sich das Blatt dann zu einem späteren Zeitpunkt oder einer anderen Situation wieder wenden, oder eben auch nicht. „Vielleicht wird einfach nur Platz geschaffen für jemanden, der als Wegbegleiter besser passt… Wer weiß das schon? Das Leben ist Entwicklung. Das ist auch in Ordnung“, sagt Sibylle. Ich lasse meinen Kontakten ihre Meinung. Weil: jeder hat seine eigene Wahrheit, oder? 

Meditation – so gelingt das

Auf dem Blog ohhhmhhh habe ich diesen Text gelesen:  „Nu hört doch mal auf“ hieß der. Und „wir zeigen der Morgenroutine den Mittelfinger“. Der Text kam gerade recht. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt eine noch nicht ganz einjährige Tochter und eine Dreijährige. Ich hatte aber auch den Eindruck, unbedingt meditieren zu müssen, um alles zu schaffen, was ich so schaffen will, um meine „Yogapraxis“ auf die richtige Ebene zu bringen und überhaupt wollte ich ja auch etwas Gutes damit für mich tun. Aber die Nächte waren immer noch anstrengend und tagsüber – mit mindestens einem Kleinkind zuhause – wollte mir das mit der Meditation nicht regelmässig gelingen. Dann kam der Mittelfinger-Text und die Autorin schrieb auf die Frage, was denn ihre Morgenroutine sei den schönen Satz: „“Ach, ich hab da was ganz Tolles entdeckt: Ich dreh mich einfach noch mal um!” Der Satz rettete mir den Tag. F*** you, Morgenroutine!

Meditation ist trotzdem unumstritten etwas Wunderbares. Nur: Liegenbleiben ist das ja auch manchmal. Wer wirklich Lust hat, zu meditieren, kann das einfach dann machen, wenn der Zeitpunkt richtig ist. Es muss nicht morgens um fünf sein. Wenn alle Kinder aus dem Haus sind beispielsweise. In der Mittagspause. Oder abends, wenn alle anderen im Bett sind.  Meditieren muss auch nicht stundenlang dauern. Zu Beginn reichen schon drei Minuten aus. Wie überraschend schnell sie vorübergehen, wenn wir erst einmal begonnen haben, die Stille zu genießen! Und auch wenn viele Gedanken durch den Kopf schiessen – egal. Meditieren bedeutet auch Üben. Gänzliches Ausschalten von Gedanken gelingt nicht mal Meditationsprofis. Ziel der Meditation ist es, gegenwärtig mit dem zu sein, was jetzt ist. Dadurch kommt man in einen Konzentrationszustand, der beruhigend ist.

Meditation = viele Missverständnisse

Ein immer wieder auftauchendes Missverständnis über Meditation ist übrigens, dass wir uns ruhig fühlen müssen, um überhaupt meditieren zu können. Stimmt aber gar nicht. Du hast gerade das Gefühl, innerlich durchdrehen zu müssen? Wird Dir alles zu viel? Läuft das Gedankenkarussel gerade im Karachcho? Super. Setz Dich hin, meditiere! Uns hinzusetzen und nichts zu tun ist zunächst etwas Neues für uns. Wir sind so sehr darauf konditioniert zu funktionieren, aktiv zu handeln und nur liegend/schlafend zu ruhen, dass Meditation erst erlernt werden muss. Wenn wir erst mal sitzen, spüren wir, dass Stille – statt permanenter Beschäftigung mit dem Smartphone beispielsweise – in der heutigen Zeit sehr angenehm ist. Wer sich wirklich für eine regelmäßige Meditationspraxis interessiert und daran wagen möchte, darf sich ruhig den Timer auf drei Minuten stellen. Und eine Frage. Beispielsweise: Was ist mir heute wichtig? Oder: Wie geht es mir heute eigentlich wirklich? In einem nächsten Schritt wagen wir uns dann an fünf Minuten. Die Wissenschaft beschäftigt sich momentan verstärkt mit dem Thema Meditation. Gerade gibt es in der GEO eine Sonderausgabe zu den Themen Yoga und Meditation – für all diejenigen, die immer noch nicht an die positiven Effekte glauben. Es ist irre spannend, was Forscher schon alles herausgefunden haben. Angeblich wurde schon herausgefunden, dass durch Meditation beispielsweise Hirnareale vergrößert werden können (1), dass das Üben Stress abbaut und Depressionssymptome lindern kann. Ja, sogar Blutzuckerspiegel, Körpergewicht und Blutdruck (2) ließen sich damit regulieren. Es ist kein Geheimnis, dass Stress krank machen kann. Bei bis zu 80 Prozent aller Krankheiten sollen Stress und ein damit verbundener ungesunder Lebensstil ursächlich oder beteiligt sein. Da muss man kein Forscher sein, um sich denken zu können, dass Stille und Nichtstun wohltuend sein können.

Wissenschaftler Andreas Michalsen, Chefarzt der Abteilung Naturheilkunde im Immanuel Krankenhaus Berlin und Professor der Charité-Universitätsmedizin Berlin, weiß, warum Yoga Sport etwas voraushat: es ist die Kombination von Atemübungen, Meditation und Körperübungen (3). Alles gehört zusammen, und durch die Koppelung von Atmung und Übungen erreicht man viel. So lässt sich durch eine effektivere Atmung etwa der Puls senken. Die Boston University School of Medicine untersuchte den Zusammenhang zwischen Yoga und Gamma-Aminobuttersäure-Konzentration im Gehirn. Gamma-Aminobuttersäure (kurz GABA) ist ein Botenstoff, der Angst und Stress lindert, indem er unsere Gedanken beruhigt. Es wird vermutet, dass Depressionserkrankungen mit einem niedrigen GABA-Spiegel zusammenhängen, da Menschen, die an Depressionen oder Angsterkrankungen leiden, meist weniger GABA als gesunde Menschen haben. Die Studie kam nun zu dem Ergebnis, dass bei Menschen, die regelmäßig Yoga trieben, der GABA-Spiegel durchschnittlich um 27 Prozent anstieg. Zu Yoga gehört Meditation dazu, und auch bei der reinen Form von Meditation soll der GABA-Spiegel steigen.

Die meisten durchgeführten Studien deuten tatsächlich darauf hin, dass die Meditation vor allem dann wirksam ist, wenn man täglich übt. Und gerade das ist ja nicht so leicht, wo wir doch schon so vieles innerhalb von 24 Stunden unterbringen müssen: Gute Ernährung, viel Bewegung, Familie, Haushalt und einen Beruf haben beispielsweise. Aber es geht beim Meditieren auch darum, zu erkennen, dass es nicht viel bringt, Dinge, die wir nicht ändern können, ändern zu wollen. Ihnen stattdessen mit Gleichmut  zu begegnen, während man die Kraft für die wirklich wichtigen Dinge im Leben sparen soll.

So gelingt’s:

Beginne in einem aufrechten Sitz, der bequem ist. Das kann auf einem Stuhl sein, einem Meditationshocker oder einem festen Kissen. Es ist wichtig, den Rücken möglichst gerade zu halten, ohne dabei zu verkrampfen. Auf einem Stuhl kann der untere Rücken an eine Lehne gestützt sein. Alle störenden Dinge solltest Du zunächst beiseite legen. Hast Du Dir einen Timer gestellt, dann dann stelle Dein Smartphone im Flugmodus ein. Konzentriere Dich dann ganz auf Dich selbst. Die Wirbelsäule ist aufrecht, die Augen sind geschlossen. Nimm alles war, was Du hören kannst. Spüre Deinen Körper, nimm wahr, welche Gefühle und Gedanken Dich beschäftigen.

Ein Phänomen: Sitzen wir erst einmal und beginnen wir, uns auf uns selbst zu konzentrieren, wird es garantiert tausend Dinge geben, die uns stören: Es kitzelt in der Nase, es zwickt im Rücken, irgendwo juckt es garantiert. Das alles nicht bekämpfen, nicht krampfhaft wünschen, dass es endlich verschwindet. Stattdessen nimm es zur Kenntnis, lass es zu. Wenn Du beginnst, Deinen Fokus auf die Atmung zu richten, ist die Zeit schon fast vorbei. Beim Einatmen nimm bewusst wahr, wie Luft durch die Nasenlöcher einströmt und wie wärmere Luft mit der Ausatmung ausströmt. Spüre Deine Nasenflügel, die sich mit der Atmung bewegen und stell fest, wo Du die Atmung noch so bewusst wahrnehmen kannst: Im Brustkorb? Im Bauch? Spürst Du das Zwerchfell?

In dieser Zeit werden Gedanken auftauchen. Lass sie kommen und gehen. Fokussiere dich immer wieder auf die Atmung, nehmen wahr, wie du ruhiger wirst.

Acht Minuten für Erleuchtung

Wem das für einige Tage gelungen ist, der darf in einem weiteren Schritt den Timer auf acht Minuten setzen. Warum acht Minuten? Weil sie uns nicht weh tun. Acht Minuten früher ins Bett zu gehen oder acht Minuten früher aufzustehen verlangt keine Opfer von uns. Und acht Minuten der Stille werden unfassbar wohltuend sein. Wenn wir sie täglich als selbstverständlich betrachten, genau wie Zähne putzen oder unser Fitnesstraining, lassen sie sich prima in unseren Alltag integrieren! Länger als acht Minuten muss Meditation gar nicht dauern. Es macht einen Unterschied für den Rest des Tages, wenn wir uns morgens entschieden haben, uns einen Moment der Stille zu gönnen.

Erleuchtet werden wir aber auch bei regelmäßiger, jahrelanger sogar stundenlanger Meditationspraxis nicht. Wie berichtet doch der amerikanische Yoga- und Meditationslehrer Darren Main in seinem Buch „Yoga and the path of the urban mystic“: Jeder Morgen beginnt bei ihm zuhause in seinem Apartment in San Francisco auf der Yogamatte. Wundervolle Stimmung, Kerzenlicht, Stille, Nichtstun, Ausschalten der Sinne. Wenn er danach nach draußen geht, um sich im Supermarkt seinen Lieblingsjoghurt zu holen, bricht seine Yogiwelt wieder zusammen: Beim Überqueren der Straße wird er trotz grüner Fußgängerampel beinahe von einer Frau überfahren, die ihm dann auch noch den Stinkfeiner präsentiert, im Supermarkt ist das Lieblingsjoghurt aus und zurück zuhause beim Frühstück kriegt er Depressionen angesichts der Nachrichten, die er in der Zeitung liest. Dann ist das Leben wieder Mittelfinger. Trotz täglicher Meditationspraxis.

Dieser Text enthält unbezahlte Werbung für das Magazin Geo. Selbst bestellt, selbst gekauft, gern verschlungen.

Quellen:

  1. Tang Y.-Y. 2015. Nature Neuroscience Reviews. The neuroscience of mindful meditation
  2. 2) Pascoe M. 2017. Mindfulness mediates the physiological markers of stress. Journal of Psychiatric Research.
  3. Luczak H. 2013. GEO Magazin: Was Yoga kann. 

 

Das schlechte Gewissen – Erwartungen, Balance, Wachstum

Das schlechte Gewissen taucht plötzlich auf. Und dann: aber wie! Es ist egal was man macht, irgendwie kommt es immer (wieder). Wahrscheinlich geht es uns allen so. Wie ich einen Weg gefunden habe, mit diesem Nervtöter umzugehen, schreibe ich hier.

Ich habe häufig ein schlechtes Gewissen.  Ich habe mal eine ziemlich treffenden Satz dazu gelesen: Das schlechte Gewissen sei wie New York: Es schlafe nie. Ich kann mich dafür entscheiden, mehr zu arbeiten, und schicke das schlechte Gewissen damit zum Teufel. Ich kann mit hundertprozentiger Sicherheit davon ausgehen, dass es dann an einer anderen Ecke wieder auftaucht. Wenn ich mehr arbeite, habe ich weniger Zeit für meine Familie. Das schlechte Gewissen kommt auch manchmal ohne dass es kommen müsste. Das habe ich kürzlich im Gespräch mit meinem Mann herausgefunden. Es ging uns beiden so: Manchmal hatten wir dem anderen gegenüber ein schlechtes Gewissen. Wir dachten, der andere hätte eine Erwartung, die wir nicht erfüllen konnten. Im Gespräch kam dann aber heraus, dass es da gar keine Erwartung gab.  Wir hätten uns jede Menge schlechtes Gewissen sparen können, wenn wir gleich miteinander gesprochen hätten.
Das schlechte Gewissen und die Balance sind gute Bekannte. Weil nie alles gleichzeitig in „Balance“ sein kann.
Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich bin mir ziemlich sicher, das schlechte Gewissen zieht öfter bei mir ein, seit ich mich intensiv mit Yoga beschäftige. Es ist unter anderem der Grund dafür, weshalb mein Buch den manchem wahrscheinlich übel aufstoßenden Namen „Yoga ist ein Arschloch. Warum es uns trotzdem so guttut.“ trägt. Ich habe nämlich seitdem auch ständig ein schlechtes Gewissen wenn ich durch die Stadt laufe. Ich habe beispielsweise ein schlechtes Gewissen, sobald ich an einem Menschen vorbeilaufe, der von mir erwartet, dass ich ihm einen Euro gebe. Und ich lebe dummerweise in einer Stadt, in der ich an sehr vielen Menschen vorbeilaufe, die das mit dem Euro erwarten. Ich kenne Leute, auch Yogis, die sind der vollen Überzeugung, dass jeder Mensch für sein eigenes Glück oder Schicksal selbst verantwortlich ist. Und auch ich selbst halte viel von dem Spruch „Jeder ist seines Glückes Schmied“ aber ich weiß sehr wohl, dass das nicht ganz korrekt ist. Nicht jeder hat das Glück, in eine Familie hineingeboren zu werden, die intakt ist. Ich weiß sehr wohl – und es zerreißt mir das Mutterherz – dass nicht jedes Kind auf dieser Welt mit Liebe gesegnet ist. Ich weiß sehr wohl, dass nicht jeder Mensch in einer kriegsfreien und erst recht nicht gewaltfreien Umgebung aufwächst und es ist nicht einfach okay, sich hinzustellen und „Jeder ist seines Glückes Schmied“ zu blöken. Da aber auch mein Geldbeutel sich nicht von selbst füllt, kann und will auch ich nicht ständig Euros verteilen. Und da ist es dann schon wieder. Das schlechte Gewissen. Denn ich könnte bestimmt ganz gut auf einiges verzichten und statt dessen mehr Euros verteilen, wenn man es mal so nimmt. Ich habe mich in den letzten Wochen damit beschäftigt, wie ich damit umgehen soll. Denn ich weiß, dass ein dauerhaft schlechtes Gewissen genauso ungesund ist wie jeden Tag Kartoffelchips und Fritten. Und dann kam die Idee. Meditation. Es hilft wirklich. Weil ich mir dann klar machen kann, dass ich nicht im Nachhinein über etwas ein schlechtes Gewissen haben muss. Es gibt viele Beispiele dafür, warum mein schlechtes Gewissen aufkreuzt. Aber ich habe mich nun entschlossen, es erst einmal an die Türe klopfen zulassen, bevor ich es direkt hineinbitte. Es hat nämlich nicht immer eine Daseins-Berechtigung. Wenn wir ein schlechtes Gewissen haben, bedeutet das immer, dass wir unsere eigenen Erwartungen nicht erfüllen konnten oder die der anderen. Aber hey, niemand ist perfekt. Es ist okay, Fehler zu haben. Wir müssen unsere Erwartungen nicht immer erfüllen und schon gar nicht die der anderen. Wenn das schlechte Gewissen aber eine Kritik für mich dabei hat, an der ich wachsen kann, von der ich lernen kann, dann lasse ich es gerne auch mal wieder rein. Erzählst Du mir, wie Du mit deinem schlechten Gewissen umgehst? Hab einen schönen, goldenen Oktober.