Veganer im Käseland

Die Schweiz ist ein tolles Reiseland. Kein Wunder, dass ich das sage. Ich habe fünf Jahre lang in der Schweiz gelebt, umgeben von Bergen, den grünsten Wiesen, die ich je gesehen habe, Kühen mit flauschigen Ohren und tollen, malerischen Seen. Wer noch keine Idee für den Sommerurlaub hat und sich einfach nur ins Auto setzen will, für den ist die Schweiz ein super Ferienziel. Früher mochte ich die Berge vor allem im Winter, weil das bedeutete Skispaß und Snowboarden, Schlitten fahren und Schneeschuhwandern. Doch gerade den Sommer und den Herbst habe ich während meiner Zeit in der Schweiz lieben gelernt. So traurig ich auch im April war, wenn ich meine letzten Schwünge mit dem Snowboard auf den sulzigen Pisten machte und wusste, dass es jetzt wieder für diese Saison vorbei sein würde mit dem Spaß im Schnee, so glücklich war ich im Sommer, wenn die Blumen blühten und die Kühe mit ihren Glocken um den Hals über die Bergwiesen trotteten und das Klingeln zu einer vertrauten Melodie werden ließen. Dann waren der Winter und das Skifahren so weit weg, dass ich kaum mehr eine Vorstellung davon hatte. Deswegen finde ich, gerade im Sommer und im Herbst ist die Schweiz eine Reise wert. Dann sind die Wiesen saftig grün und die Wolken geben im Zusammenspiel mit den schneebedeckten Bergspitzen, dem blauen Himmel und den Seen die Kulisse für ein perfektes Gemälde ab.

Zusätzlich geht es in der Schweiz in Punkto Sicherheit, Gesundheit und Infrastruktur vorbildlich zu. Es gibt in der Regel keine Streiks und Staus sind vergleichsweise harmlos. Allerdings ist die Schweiz kein Billigurlaubsland aber sie bietet ihren Besuchern auch etwas für den Preis. Kleine, gemütliche Städtchen, unendlich viel Natur und Kühe, denen das Glück buchstäblich an den Ohren abzulesen ist. Dass die Schweizer Alplandschaft so hübsch ist, hat sie nämlich auch den Kühen zu verdanken. Weil steile, unwegsame Flächen von den Bauern bewirtschaftet werden, entsteht dort kein Wald. Das bedeutet viel Arbeit für die Landwirte aber auch viel Lebensraum für zahlreiche Pflanzen und Tiere. Die Schweizer Werbelandschaft ist geprägt von idyllischen Bildern und glücklichen Tieren. Das Schweizer Tierschutzgesetz gilt als eines der strengsten weltweit. „Dass es auch in der Schweiz Massentierhaltung gibt und dass selbst bei Bio-Tierhaltung männliche Küken geschreddert werden, wird gerne verdrängt“, sagt Marielle Kappeler von der Veganen Gesellschaft Schweiz (VGS). Doch gerade während ihrer Aufklärungsarbeit stellen die Mitglieder der VGS immer wieder fest, dass ein Interesse an „vegan“ besteht. „Vegan boomt. Auch im Heidiland“, sagt Kappeler. Ein Trend, der auch in den Städten zu spüren ist.

Vegetarier und Veganer sollten unbedingt einen Zwischenstopp in Zürich einplanen. Nicht nur, weil Zürich eine wunderbare Stadt ist, sondern auch, um einmal im ältesten vegetarischen Restaurant der Welt, dem „Hiltl“, zu speisen. Über 50 Prozent der Gerichte auf der Karte sind mittlerweile vegan. Auch werden sämtliche Allergene und Zutaten genau deklariert. Im „Hiltl“ arbeiten rund 50 Köche, teilweise werden hier pro Tag 2000 Gäste bedient. Der Qualität tut das keinen Abbruch. 90 Prozent der Gäste sind sogenannte „Teilzeit-Vegetarier“. „Wir wollen unsere Gäste nicht bekehren, sondern sie durch gesunden Genuss und unsere lockere und erfrischende Art von Gastronomie überzeugen“, sagt Rolf Hiltl, der das Restaurant in der vierten Generation führt. Sommer uübernimmt das „Hiltl“ zwei Strandbäder am Zürich-See. Dann können auch beim Baden die vegetarischen Köstlichkeiten des Kultrestaurants genossen werden. Im November 2013 eröffnete das Restaurant außerdem die erste vegetarische Metzgerei. Dort gibt es Tempeh, Seitan, Cordon Bleu, Tatar, Cervelat und Bratwurst – alles fleischlos. „Und natürlich bekommen die Kinder ein gratis Wurst-Rädli beim Einkaufen“, sagt Rolf Hiltl. Hiltl gehen die Ideen nicht aus, sein Unternehmergeist ist bewundernswert. Dass es in der Schweiz einen Markt für Vegetarismus und Veganismus gibt, zeigt auch der Erfolg der „tibits“ Restaurants. Natürlich sitzt auch hier die Familie Hiltl mit im Boot. Gemeinsam mit den Brüdern Daniel, Christian und Reto Frei gründeten sie das „tibits“, das sich mittlerweile nicht nur in Zürich, Basel, Bern und Winterthur großer Beliebtheit erfreut sondern auch eine Riesen-Nummer in London ist. In Bern befindet sich das vegetarische Restaurant direkt am Hauptbahnhof und mittags muss man schon Glück haben, wenn man einen Platz im Restaurant ergattern will. Seit Kurzem gibt es deshalb in Bern ein zweites Restaurant in der Nähe vom Bundeshaus. Auch dort gibt es ein umfangreiches Buffet mit Take- Away-Theke, das ein wirkliches Schlaraffenland für Vegetarier und Veganer ist. Wann immer ich nach Bern musste, habe ich meinen Lunch im tibits geholt und am Abend gerne dort gemütlich gegessen.

Außerhalb der Städte, auf den Berghütten, bleibt Veganern oft nichts anderes übrig als zum gemischten Salatteller zu greifen. Aber es gibt Ausnahmen. In Graubünden bietet das Bergrestaurant „Scharmoin“ in der Lenzerheide Vegetariern etwas Abwechslung. Auf Vorbestellung gibt es vegane Gerichte im Hotel „Belvedere“ in Grindelwald. Und auch im Nobelörtchen Gstaad gibt es verschiedene Möglichkeiten für Veganer. Billig ist das Essen hier nicht, so wie eigentlich nirgendwo in der Schweiz, aber man kann eigentlich sicher sein, dass Qualität auf dem Teller landet. In der Pizzeria des Hotels „Arc-en-ciel“ steht immer auch etwas für Veganer auf der Karte. Gemütlich und gleichzeitig modern ist das „Basta“ des Hotels Berner Hof, zwei Gehminuten vom Bahnhof. Es zählt zu meinen absoluten Lieblings-Spots in der Schweiz. Hier gibt es die selbstgemachte Pasta auch in vegetarischen Varianten – aber bitte danach fragen, ob die Nudeln mit Eiern gemacht wurden oder nicht. Im China-Restaurant desselben Hotels wählen Veganer das scharfe Gemüsetofu mit Reis. Wer eine Schweiz-Reise plant und auf Nummer sicher gehen will, kann sich im Vorfeld über die Restaurant-Möglichkeiten bei der VGS informieren. „Auch aus ländlichen Regionen erhalten wir zunehmend Hinweise auf vegane Essensangebote. Zudem fragen uns immer mehr Gastronomen gezielt an, ob wir sie bei der Einführung von veganen Angeboten beraten können“, sagt Marielle Kappeler. Inzwischen führen einige typische Gasthäuser ein interessantes veganes Angebot. Und auch in beliebten Ferienregionen tauchen neuerdings vereinzelt vegane Leckerbissen auf. „Gewiss besteht hier noch Ausbaubedarf. Wir gehen aber davon aus, dass vegane Gerichte in spätestens fünf Jahren in jedem Restaurant selbstverständlich sind“, sagt Marielle Kappeler.

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